Quelle: https://www.zeit.de/1984/51/sport-fuer-den-fuehrer
Freiwillige Gleichschaltung im Dritten Reich: Sport für den „Führer“
14. Dezember 1984, 7:00 Uhr Aktualisiert am 21. November 2012, 14:52 Uhr Aus der ZEIT Nr. 51/1984
Inhalt
- Seite 1 — Sport für den „Führer“
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Viele NS-Forderungen wurden erfüllt, noch bevor sie offiziell erhoben worden waren
Ohne Sentimentalität“ sollten Sportvereine die Messingspitzen ihrer Traditionsfahnen für die „Metallspende des deutschen Volkes“ opfern, forderte zum „Führer“-Geburtstag 1940 der Gau Berlin-Brandenburg. Die Vereinsfahnen standen ohnehin schon lange nutzlos in der Ecke, denn seit 1936 gab es die „Reichsbundtragefahne“: rotes Tuch mit weißem Streifen, in der Mitte Adler mit Hakenkreuz. Sie hatte die bunte Vielfalt verdrängt und flatterte bei Wettkämpfen den einziehenden Mannschaften voran. Der Sport hatte sich ganz in den Dienst des Nationalsozialismus gestellt.
Das muß man schon so im Aktiv formulieren, will man die Eilfertigkeit beschreiben, mit der sich die bürgerlichen Verbände und Funktionäre gleich nach Hitlers Machtübernahme 1933 auf den „Vormarsch ins Dritte Reich“ begaben. Nach der Devise „Beiseitestehen heißt untergehen“ erfüllten sie Forderungen der neuen Regierung, noch ehe sie gestellt waren. Juden wurden aus den Vereinen entfernt, neue Satzungen nahmen Abschied vom „unfruchtbaren Parlamentarismus“, keine Hand rührte sich für die verfolgten Arbeitersportler. Carl Diem, Organisator der Olympischen Spiele 1936 und 1947 Gründer der Kölner Sporthochschule, prägte angesichts dieses unwürdigen Verhaltens die bittere Metapher: „Charakterlos wie ein Sportführer.“
Die Charakterlosigkeit fand nach dem Krieg ihre Fortsetzung im Selbstmitleid der einstigen Selbstgleichschalter; jetzt wollten sie den Sport in die Liste der Opfer des braunen Terrors schmuggeln. Daß er dort nichts zu suchen hat, sondern eher zum Studienobjekt für die „ideologische Anfälligkeit des ganzen Volkes“ taugt, beweist
Hajo Bernett: „Der Weg des Sports in die nationalsozialistische Diktatur“; Beiträge zur Lehre und Forschung im Sport, Nr. 87; Verlag K. Hofmann, Schorndorf; 120 S., 16,80 DM,
Der Bonner Sportwissenschaftler hat mit seiner knappen Studie mehr Licht in die Frage nach der Ermöglichung Hitlers gebracht als manche dickleibige Analyse. Im Sport erwischt man offenbar mehr vom Zeitgeist als in den hehren Sphären von Politik oder Wirtschaft. Das fängt schon bei der Sprache an: Der Ruderverband propagierte „die Ausrichtung der organisierten Ruderer in der Braunen Armee“, die Schwimmer erstrebten „die Ertüchtigung zu wehrhaften und wahrhaften Volksgenossen“, die Deutsche Turnerschaft setzte auf „Wehrturnen“, Ziel aller war „ein Volk leibestüchtiger Männer und Frauen“. Streckenweise lesen sich die Verlautbarungen wie Kriegsberichte.
Hitlers „Reichssportführer“ Hans von Tschammer und Osten hatte es bei der allseitigen Anbiederung nicht schwer, den Sportbetrieb in den Griff zu bekommen. Zunächst wurde zentralisiert: Alle Verbandsführungen mußten nach Berlin umziehen; bei der Bestellung der Funktionäre galt das Führerprinzip, also nicht Wahlen, sondern die übergeordneten Dienststellen bestimmten über die Postenvergabe; eine Einheitssatzung beendete die Organisationsvielfalt; 25 Fachämter fanden sich schließlich unter dem Dach eines Deutschen Reichsbundes für Leibesübungen (DRL) wieder.
Dann, nach den Olympischen Spielen, forcierte Tschammer die Ideologisierung, und auch da fand er viele offene Türen: Im wehrpolitisch entmündigten Deutschen Reich hatte sich nach 1918 der Sport als Ventil für militärische Bedürfnisse angeboten. Die Sportfeste hießen „Kampfspiele“, Strapazensport und Geländeübungen wurden großgeschrieben, der Reichspräsident gründete ein Kuratorium für „Jugendertüchtigung“. Das Wehrsportkonzept der Nationalsozialisten war die logische Fortsetzung, das dahintersteckende „Lebensraum“-Programm Hitlers schon angelegt.
Auch für das zweite Dogma der NS-Weltanschauung war der Boden bereitet: Antisemitische Affekte hatten Tradition in der Sportbewegung, die Körper- und Kraftvergötzung machte sie zudem anfällig für vulgärdarwinistische Argumentation. Der Sieg bei den Olympischen Spielen wurde jedenfalls fröhlich als „Triumph der weißen Rasse“ mitgefeiert. Die „Dietwarte“ (weltanschauliche Schulungsleiter in Vereinen) mußten sich nicht sonderlich anstrengen, um die rassebiologische Botschaft an den Sportsmann zu bringen.
Beides weist dem Sport nicht mehr Schuld als anderen zu an Stalingrad und Auschwitz. Aber es macht überdeutlich, wie sich das Verhängnis etablieren konnte. Die nächsten Schritte waren zwangsläufig: 1938 wurde der Reichsbund mit dem Beiwort „Nationalsozialistischer“ geschmückt und zu einer „betreuten“ Organisation der Partei degradiert, die Vereine mußten sich zu „Ortssportgemeinschaften“ zusammenschließen, Mitgliederversammlungen verloren das Wahlrecht, die Jugendabteilungen gingen an die HJ über. Der einst selbstverwaltete Sport war zum Instrument nationalsozialistischer Herrschaft geworden. Die Bilanz 1945: Eine uferlose Liste von toten „Helden“, mehr als 40 Prozent aller Sportanlagen zerstört. „Am allerschlimmsten aber war“, schrieb 1970 der Präsident des Deutschen Sportbundes, Willi Daume, „die völlige Zerstörung der moralischen Substanz des Sports.“
Bernetts Abriß gehört in eine weitreichende Taschenbuchreihe. Jeder Sportfreund, dessen Interessen über Rasenviereck und Aschenbahn hinausreichen, wird fasziniert sein von diesem Lehrstück über den kurzen Weg von der sportlichen Fahnenspitze zur todbringenden Granate.
Friedemann Bedürftig